Der Garten des Bescheidenen Politikers


Der Garten des Bescheidenen Politikers

Offener Brief an die SPD-Fraktionen Altona und Hamburg-MitteBetr.: Park Fiction Projekt – Ihre Pressereklärung 03/01 vom 14.02.2001:’SPD-Fraktionen Altona und Mitte fordern mehr Bürgerbeteiligung beim „Antoni-Park“‚

Also, welchen Zug soll man nehmen?

In welchem Bahnhof soll man zusteigen?

Wie findet man eine Tätigkeit,

die es einem gestattet, ein wenig

eigene Musik zu spielen,

anstatt immer nur

die der anderen zu begleiten?

Jean-Luc Godard

Sehr geehrte Damen und Herren,vor einigen Tagen blätterte ich in einem Buch über chinesische Gartenkunst. Im Kapitel „Kunst der Amateure und der Professionellen“ wird immer wieder ein berühmter Garten erwähnt, dessen Name mich, nicht zuletzt wegen Ihrer Presseerklärung, aufmerken ließ. Der Garten liegt in Suzhou und entstand in der Ming-Dynastie. Der Politiker Wang Xuancheng begann mit dem Bau der Anlage, nachdem er am Hof in Ungnade gefallen war. „Zur Freude seines Herzens“ errichtet, nannte er sein Werk Zhou zheng yuan, was, in die deutsche Sprache übersetzt, bedeutet:

„Der Garten des bescheidenen Politikers“

Begleiten Sie mich ein wenig durch diesen Garten und durch die Umstände seiner Entstehung: „Der Besucher begreift recht bald, dass alles hier mit Feingefühl erbaut wurde, damit man genügend Spielraum behält, in welche Richtung man sich begeben, welchen Gartenwinkel man meiden und wo man stehenbleiben und den eigenen Gedanken freien Lauf lassen sollte. Früher kamen Philosophen, gedachten vergangener Tage und sannen über die Zukunft nach. Es kamen auch Freunde hierher. Sie konnten miteinander reden oder schweigen und sich über die gegenseitige Nähe freuen. Hier wurden Feste gefeiert, bei denen die Gäste von den Ballustraden der Pavillons beobachteten, was die Jahreszeit eben bescherte.“ Allein die Namen der Pavillons geben ein schönes Bild von dem, was Park alles sein könnte. Neben der „Halle der wohlriechenden Hirse“, der „Halle der entfernten Düfte“ und dem „Pavillon des Windes unter den Kiefern“, finden wir die „Insel der Düfte“, den „Mädchengarten“, den „Pavillon der breiten Aussicht“, und einen Ort, der „Anderes Weltall“ heißt. Dies alles sei hier ausgebreitet, damit deutlich wird, dass hinter Parks – eigentlich hinter allen Gestaltungen und Bauten im städtischen Raum – immer ein Konzept, eine Ideologie, ein Menschenbild, eine Vorstellung von Gesellschaft steht – ob ausgesprochen oder nicht. Nicht nur hinter ausgefeilten chinesischen Parks, auch hinter Ihren Einwänden gegen den AnwohnerInnenpark aus St. Pauli, steht ein solches Gesellschaftsmodell – doch dazu später.

Im Garten des bescheidenen Politikers findet man auch den „Pavillon der Erwartung der Wahrheit“. Und mit der nimmt es Ihre Presseerklärung nicht allzu genau, wenn Sie tatsächlich die Stirn haben, ausgerechnet im Fall des Antoni-Parks davon zu sprechen, es gäbe „Defizite bei der Anwohnerbeteiligung“, oder behaupten: „Beteiligt worden ist nur ein kleiner Kreis von Aktiven, die vormittags Zeit hatten, zu tagen.“ Erlauben Sie mir, hier etwas ausführlicher zu werden, denn diese Behauptungen muss ich, in meiner Funktion als Künstler, persönlich nehmen, da Sie den Kern des von Park Fiction verwendeten Kunstbegriffs angreifen und damit die künstlerische Integrität meiner Arbeit in Frage stellen.

Im Jahre 1995 wurde ich von der Kulturbehörde zusammen mit 6 anderen internationalen KünstlerInnen eingeladen, ein Projekt für das ambitionierte Hamburger Kunst im öffentlichen Raum Programm zu entwickeln. Das von mir gemeinsam mit der Park-Initiative entwickelte Konzept für Park Fiction hatte das Ziel, eine kollektive Wunschproduktion und einen öffentlichen Planungsprozess für einen Park in St. Pauli – den Antoni-Park – durchzuführen. Dieser Prozess sollte parallel zur bestehenden Planung, die Hegemonie der gewöhnlichen Stadtplanungsinstanzen und die von diesen Instanzen verwendeten rudimentär-demokratischen Zugangsmöglichkeiten in Frage stellen und erweitern.

Das Projekt wurde 1996 durch die Hamburger Kunstkommission (in der, neben KunstexpertInnen, auch Vertreter ihrer Bezirke sitzen) mit großer Mehrheit zur Realisierung empfohlen. 1997 wurde das Kunstprojekt auf Druck des damaligen Stadtentwicklungssenators Mirow gestoppt – ein aussergewöhnlicher Fall von Einmischung in die Entscheidung dieses Gremiums, ExpertInnen verliessen es damals aus Protest. Kurz vor der Wahl gelang es endlich, nachdem sich der politische Wille der Bevölkerung in zahlreichen Veranstaltungen und Aktionen Gehör verschafft hatte, durch zähe Verhandlungen zwischen Initiativen, AnwohnerInnen, Behörden- und BezirksvertreterInnen, einen Konsens über die Fläche des Parks zu erzielen und die Blockade des Kunstprojekts aufzulösen. Im Spätsommer 1997 konnte Park Fiction beginnen. Auch auf Basis der von der Altonaer Bezirksversammlung getroffenen Beschlüsse, hat sich die Stadt Hamburg auf einen einmaligen, experimentellen und öffentlichen Planungsprozess zwischen Kunst, AnwohnerInnen, Behörden und Bezirken eingelassen – Park Fiction.

Park Fiction erweitert die Autonomie der Kunst auf alle TeilnehmerInnen am Planungsprozess. Park Fiction hat eine Menge Planungsinstrumente (Werkzeuge, „tools“) entwickelt, um für unterschiedlichste TeilnehmerInnen Zugangsmöglichkeiten zum Planungsprozess anzubieten: sechs Monate lang wurde ein öffentliches Planungsbüro von einem vor Ort installierten Container aus betrieben. Dieser Container war mindestens 2 Tage die Woche geöffnet, u.a. jeden Sonntagnachmittag. Im Container befand sich das Knetbüro, das Wunscharchiv, eine umfangreiche Gartenbibliothek um sich inspirieren zu lassen, Bastel-, Mal- und Zeichenutensilien, Infomaterial und die üblichen Planungsunterlagen. Es wurde meist Tee oder Getränke angeboten, um auch Menschen ohne ausdrücklichen Planungsvorsatz zu interessieren. Weitere Zugangsmöglichkeiten zum Planungsprozess boten die Hotline, um Geistesblitze auch zu nachtschlafender Zeit akustisch aufzeichnen zu können, ein Planspiel, dass die Regeln und Zugänge des Planungsprozesses transparent machte. Wie Sie sicher wissen, ist das sehr viel mehr, als in von der Stadt allein organisierten Planungsverfahren.

Doch uns war das nicht genug. Weil uns klar war, dass viele AnwohnerInnen durch die Schule einer entmündigenden Stadtplanungspolitik frustriert, in Anhörungen abgefertigt werden, erfanden wir den Action Kit – einen Alukoffer voller Pläne zum ausfüllen, mit Stiften, selbsthärtender Knetmasse, Diktaphon zur Aufzeichnung mündlich formulierter Wünsche, einem ausklappbaren Hafenpanorama mit Maßstabsfiguren, um Gegenstände oder Entwürfe davor auszuprobieren, einer Polaroidkamera um diese Arbeiten zu fotografieren, und Fragebögen. Damit wurden mehr als 200 Wohnungen im direkten Einzugsbereich des Parks und zahlreiche Gruppen und Läden im Stadtteil besucht. Parallel zu diesen direkt planerischen Werkzeugen gab es Park Fiction Infotainment Veranstaltungen zu Gärten in aller Welt, zum Platz der permanenten Neugestaltung, zu Teegärten am Bosporus, zu Verkehr, Stadtplanung, Ausflüge zu Hamburger Gartenkunstwerken, Pflanzaktionen und Videoprojekte mit Erwachsenen und Kindern.

Mit über 1000 TeilnehmerInnen haben sich an der Planung für den Park mehr Menschen beteiligt, als an irgendeinem anderen Bauprojekt in Hamburg. Doch nicht diese beeindruckende Zahl ist hier das Entscheidende, sondern die Tiefe der Auseinandersetzung, das dahinter stehende Konzept der Wunschproduktion, der immer wieder geglückte Versuch, ein kulturelles Klima zu konstruieren: von der StadtkonsumentIn zur StadtproduzentIn zu werden.

Dass sozialdemokratische Hamburger PolitikerInnen heutzutage von den neuesten Entwicklungen im Kunstdiskurs nichts wissen, und glauben, ohne dieses Wissen auskommen zu können, ist eine traurige, und über dieses Projekt hinaus folgenreiche Tatsache. Dennoch gehört es zu Ihren Aufgaben als VolksvertreterInnen, sich umfassend zu Informieren, bevor Sie Entscheidungen treffen. Ich frage mich, wie es Ihnen möglich ist, eines der meistdiskutierten Kunstprojekte der Neunzigerjahre, zu ignorieren und seine Realisierung zu behindern. Warum übergehen Sie die vielen TeilnehmerInnen, wenn Sie fälschlich behaupten, sie seien gar nicht beteiligt gewesen?

Der Grund mag in Ihrer Vorstellung vom „Bürger“ liegen, oder, wie Sie, Markus Schreiber, auf der Informationsveranstaltung am 19. Februar gegenüber den zahlreichen dort versammelten ParkbefürworterInnen formulierten, in Ihrer Vorstellung vom „normalen Menschen“.

Im eingangs erwähnten Garten in Suzhou befindet sich auch der „Pavillon der Erwartung des Frostes“. Ein frösteln ganz anderer Art überkommt mich, wenn ich mir das Menschenbild vorstelle, dass hinter einem Satz wie dem folgenden steht:“Horst Emmel unterstrich, dass der Park nicht zu unübersichtlich werden dürfe, indem schlecht einsehbare Ecken und schlecht beleuchtete Nischen geschaffen werden.“ Zu den Aufgaben meiner Profession gehört es, Dinge zu Ende zu denken. Mal davon abgesehen, wo in dem vorliegenden Entwurf Sie diese Ecken und Nischen gefunden haben wollen, so spricht doch aus der ganzen Grundeinstellung Ihres Statements eine Haltung, die Parkplanung in erster Linie als Mittel zur Verhinderung von der Bevölkerung unterstelltem Verhalten sieht. Diese Verhinderungsarchitektur, deren unausgesprochenes Vorbild das Gefängnis ist, und die den öffentlichen Raum als Sicherheits- und Ordnungsproblem definiert, könnte in keinem schärferen Gegensatz zur Idee der Wunschproduktion stehen. Wo haben Sie Ihren ersten heimlichen Kuss getauscht?

Die funktional unterschiedlichen Inseln des Entwurfs, (Seeräuberinnenbrunnen, wellenförmiges Rasenstück, Teegarten, Palmeninseln, Ballspielfläche mit Tulpenornament, etc.) sind nicht nur Ergebnis der Unterschiedlichkeit der Wünsche und Bedürfnisse ihrer ErfinderInnen (und Schutz vor Hunden) – sie spiegeln auch einen veränderten Begriff von Öffentlichkeit wieder, in der nicht mehr alle die gleichen, normierten, statistisch errechneten Bedürfnisse haben. Betrachten wir die Entwicklung eines populären „Parks“ – die Alsterschwimmhalle: hier kann man nicht mehr einfach Eintritt bezahlen um in das große, dem Öffentlichkeitsbegriff der Sechzigerjahre entsprechende Becken zu springen – schon am Eingang muß man sich zwischen Sauna, Fitness oder einfach Schwimmen entscheiden. Tut man letzteres, sieht man sich vor einem Pool, der in funktional verschiedene Sektoren unterteilt ist: eine Schnellschwimmerbahn für athletische SchwimmerInnen, eines zum von-der-Seite-und-Brettern-reinspringen, eines mit Rutsche, eins für Nichtschwimmer, eins wo seltsame aufblasbare Gummiteile drin rumschwimmen, und eines, wo man auch als unsportlicher Mensch mit FreundInnen Gespräche führend, seine Runden drehen kann. Auf ähnliche Weise hat der Parkentwurf aus dem Stadtteil die Einheitsgrünfläche der Vergangenheit verworfen und sich stattdessen die Schlauheit des alltagserprobten Freizeitbadurbanismus zu eigen gemacht, um Nutzungskonflikte zu vermeiden und gerade dadurch einen Ort zu schaffen, der von sehr unterschiedlichen Menschen zugleich benutzt wird.

Im darauf folgenden Satz geht es wieder um Verhinderung: „Er forderte auch Konzepte, um eine zusätzliche Lärmbelastung an den Abendstunden zu vermeiden.“ Ein zunächst verblüffend wirkender Satz – ist doch Ausgleich für die erhebliche Lärmbelastung auf St. Pauli Teil der raison d’être des Parks. Bei der Info-Veranstaltung präzisierten die im Publikum plazierten SPD-Mitglieder Ihren Einwand – er richtete sich gegen die gewünschte, zwischen Palmen aufgehängte Projektionsleinwand. Dieser Entwurf bedarf sicher der Erläuterung. Zunächst einmal wurde die Leinwand am von Wohnhäusern entferntesten Punkt des Parks installiert. Falls hier Projektionen mit Ton stattfinden, soll dieser über ein System vieler, kleiner, leiser Lautsprecher über ein engbegrenztes Areal zu hören sein, so dass schon wenige Schritte entfernt, nur noch ein Flüstern zu vernehmen sein wird – und in den Wohnungen gar nichts. Darüberhinaus bitte ich Sie aber, die positiven Potentiale einer solchen Installation ins Auge zu fassen: Was kann es schöneres für diesen Park geben, als etwa an einem solchen Ort ein provisorisches Zeltkino einzurichten, in dem den Sommer über Familienprogramme laufen, für diejenigen, die sich keinen Urlaub leisten können? Etwa Tierfilmreihen, wie sich eine Anwohnerin wünschte, oder „Filme über Jugendliche in anderen Ländern“, wie eine andere Vorschlug? Möchten Sie KünstlerInnen untersagen, sich Ambientinstallationen auszudenken – oder hat die Wirtschaft jetzt ein Monopol auf bewegte Bilder im öffentlichen Raum? Öffentlicher Raum wird ja erst durch Handlung konstituiert.

Vollends absurd wird Ihre gegen den Park gewendete Befürchtung jedoch, wenn man Sie in Relation zu in der Nachbarschaft geplanten, von Ihren Bezirksämtern genehmigten gastronomischen Projekten, Großveranstaltungen, allmonatlichen Filmarbeiten an abgründigen Privatfernsehserien etc. sieht.

Und ganz aktuell – und in das Planungsgebiet und das Parkkonzept essentiell eingreifend – die „Erb“-Verpachtung der „River“-Kasematten durch Mitte, an einen Privatinvestor, der dort eine Großgastronomie/Multimedia-Internet-Treff/Musikclub aufziehen möchte – und – ohne Rücksprache mit dem Runden Tisch – genehmigt bekommt. Herr Kretschmer, so der Name des Käufers der Immobilie, machte sich vor einigen Tagen im Viertel bekannt, indem er eine mit Motorsägen ausgestattete Gärtnerkolonne in das Parkplanungsgebiet entsandte, und einige Bäume vor den Hafenstrassenhäusern fällen ließ. Schon werden Begehrlichkeiten geäussert, Sondernutzungsrechte für den öffentlichen Raum reklamiert, und Planungshoheit über den Schauermannspark beansprucht – dessen Fläche immer unumstrittener und zentraler Bestandteil der Park Fiction Planung war!

Wie ich erst gestern erfuhr, hat der Bezirk Mitte Herrn Kretschmer darüber hinaus das Recht zur Überplanung und „Herrichtung“ des direkt vor den Hafenstrassenhäusern gelegenen, dort von BewohnerInnen angelegten und gepflegten Grünstreifens, „anhand“ gegeben. Dieser ungeheuerliche Vorgang geschah am Runden Tisch vorbei, ohne das von der Stadt mit der Planung des Gesamtpark-Konzepts beauftragte Architekturbüro zu informieren, und ohne die Bewohner- und BesitzerInnen der Hafenstraßenhäuser einzubeziehen.

Dass derselbe Herr auch das Gebäude der Roten Flora gekauft hat, mag ein Zufall sein – ein faible für die Attraktivität politisch-ästhetischer Bewegungen und gute Kontakte zu den Verkäufern stadteigener Grundstücke sind dem Kaufmann jedenfalls nicht abzusprechen. Vielleicht erklären diese Verbindungen ja das mit Vergesslichkeit gepaarte, wieder erwachende Interesse des Bezirks Mitte am „Antoni-Park“.

Sehen Sie, das Problem, vor dem wir hier stehen, besteht auch in einer Ungleichzeitigkeit der Wahrnehmungen: Sie begreifen die Modernität eines Projekts wie Park Fiction nicht, nehmen den Ball, den Sie zugespielt bekommen, nicht auf, beharren darauf, dass Stadtplanung im Jahr 2001 mit den gleichen Werkzeugen betrieben wird, die schon, sagen wir, 1890 entwickelt waren, und nehmen den schönen Werkzeugkoffer, den wir entwickelt haben, nicht als Angebot, als Erweiterung der Benutzeroberfläche Stadt – sondern anscheinend nur als Bedrohung wahr. Auf der anderen Seite steht ein cleverer Investor, der anscheinend eine Vorliebe für die im (sub-)kulturellen Feld entwickelten Qualitäten, für die durch politisch-kulturelle Bewegungen erschlossenen Orte hat – um dort das kapitalistisch verwertbare Sahnehäubchen abzuschöpfen. Dass diese Orte dadurch womöglich zerstört werden – steht auf einem anderen Blatt.

Hier wäre nun der Punkt, an dem ich mir Ihr entschiedenes Eintreten für diesen mit viel Einsatz von AnwohnerInnen betriebenen Prozess, für diese fragile Entwicklung, für das öffentliche Interesse, gegen die Zensur dieser Arbeit und gegen die Verfälschung eines modellhaften Kunstprojekts durch kurzfristige privatwirtschaftliche Interessen wünschen würde.

Um sie abschließend noch einmal in die Entstehungsgeschichte des eingangs erwähnten Ming-Gartens zurückzuführen: „Im Land regierte bürokratische Schroffheit. Davon zeugt auch, dass die Poesie, früher ein Fach des Staatsexamens, durch Essays ersetzt wurde, die formal und inhaltlich nicht viel Raum für die Förderung des schöpferischen Talents ließen. Das rief eine kritische Reaktion unter den Anhängern gelockerter Denkungsweise und mit ihr verbundener Ästhetik hervor… Eben in Gärten fanden so gestimmte Menschen ihre Lebensbefriedigung. Ihre Zahl wurde nach und nach durch Politiker und Beamte, die gezwungen waren, ihre Laufbahn wegen Intrigen aufzugeben vergrößert. Viele unternahmen diese Schritte auch freiwillig, um in Abgeschiedenheit nach eigenen Vorstellungen leben zu können. Auch Wang Xuancheng zog sich in seinen Garten zurück und entschied sich, ihn „Garten des bescheidenen Politikers“ zu nennen. Die Bezeichnung bezog sich auf die Äußerung des erfolglosen Administrators aus dem 3. Jahrhundert, der sich in die Abgeschiedenheit zurückzog und ganz einfach als Bauer lebte. Seine Entscheidung kommentierte er mit den Worten: >Auch dies ist eine Laufbahn, würdig eines bescheidenen Politikers.< Mit diesen Gefühlen zog sich der frühere kaiserliche Zensor in seinen Garten zurück.“

Wenn Sie die gesellschaftlichen Wunschproduktionen der Verwertung und Kanalisierung durch die Wirtschaft überlassen, und die hier in einem demokratischen Prozess stattfindenden im Namen von Sicherheit und Sauberkeit abblocken – brauchen Sie sich nie wieder über „Politikverdrossenheit“ zu beschweren.

Mit freundlichen Grüssen,

Christoph Schäfer

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