Park Fiction Presseerklärung vom Freitag, 19. August, 2005


Park Fiction Presseerklärung vom Freitag, 19. August, 2005

Image Nach zehn Jahren wird Park Fiction endlich eröffnet. Doch der Bauauschuss Hamburg Mitte blockiert das auf der Documenta ausgestellte Projekt: Eröffnung unter den Bedingungen der Gentrifizierung
Dieser Park ist auf ungewöhnliche Weise entstanden: Mitte der Neunzigerjahre entschieden sich einige AnwohnerInnen und KünstlerInnen aus St. Pauli dazu, einen öffentlichen Park zu entwerfen – nicht an irgendeinem brachliegenden Ort, sondern an einem sehr speziellen, für den die Stadt gerade einen neuen Bebauungsplan beschlossen hatte: am Elbufer, gegenüber von Dock 10. Niemand, der sich auskannte, hätte zu diesem Zeitpunkt geglaubt, dass es möglich sein könnte, den Verkauf des Geländes und den Bau eines millionenschweren Betonriegels zu verhindern. Doch ein cleveres Netzwerk aus interventionistischen AnrainerInnen, sozialen Einrichtungen, Golden Pudel Club, KünstlerInnen und Hafenstrasse, schaffte es doch. In einem öffentlichen Planungsprozess im Stadtteil, organisierte Park Fiction die kollektive Wunschproduktion für einen Park. Dieser Prozess machte das Projekt und den Park noch vor seiner Verwirklichung bekannt und führte zu Ausstellungen, u.a. in Italien, Spanien, USA und auf der Documenta11 in Kassel. Park Fiction ist trotz seines konzeptuellen Hintergrundes aus dem Alltag und der Imagination der AnwohnerInnen entstanden. Denn die zentrale Idee von Park Fiction ist die Aneignung der Stadt durch ihre BewohnerInnen. Diese Idee (genauso wie die Kraft der Entwürfe) stellt die herrschenden Stadtplanungsprozesse und die damit verbundenen Vorstellungen von Stadt grundsätzlich in Frage. Was zuvor keine andere Stadt wagte, geschah 1997: Hamburg beauftragte ein Team aus KünstlerInnen und AnwohnerInnen mit der Durchführung des Park Fiction Planungsprozesses. Ideen aus dem Viertel wurden gesammelt, diskutiert, überarbeitet, geschärft, zugespitzt und zusammen mit dem Architekten unseres Vertrauens, Günter Greis von arbos, bis zur Baubarkeit entwickelt. Obwohl der Park politisch bereits 1997 durchgesetzt war, begann der Bau erst 2002, zufällig mit Bekanntwerden unserer Documenta-Teilnahme. Nun erst wurden die AnwohnerInnenentwürfe realisiert: zunächst die Palmeninsel (ein kollektiver Entwurf) und der Fliegende Teppich (auch ein kollektiver Entwurf, Mosaik von Sabine Stövesand, inspiriert von der Alhambra). Das neue Tulpenfeld (entworfen von Nesrin Biguen) enthält ein öffentliches Geheimnis: die Tulpen sind eine Anspielung an die Tulpenzeit in der Türkei. Der Hundegarten mit seiner Zuschauertribüne und der bereits 1995 geforderten Pudelförmigen Buchsbaumhecke (anonym), ist ein Beispiel für die Park-Fiction-spezifische Herangehensweise, eigentlich banale Probleme aus so unterschiedlichen Blickwinkeln anzuschauen, dass neue Lösungen entwickelt werden, die als Bereicherung für das Gesamtkonzept wirken. Ähnliches gilt für das Open Air Solarium, das so populär ist, dass es gleich dreimal gebaut wurde. Im Kirchgarten gibt es jetzt die von AnwohnerInnen bearbeiteten Nachbarschafts-beete und die Boule-Insel „Abolition du travail aliéné“ auf dem ehemaligen Bunker. Das Grüntheater aus Natursteinterrassen an der Rückseite des Golden Pudel Klubs (der übrigens mit der Durchsetzung des Parks gerettet wurde), wird in den nächsten Tagen gebaut. Brandneu sind auch die öffentlichen Kräuterbeete, und der „Bambushain des bescheidenen Politikers“. In der Vergangenheit gab es unterschiedliche Versuche, den von Park Fiction initiierten Planungsprozess zu delegitimieren, und in die Planung aus dem Stadtteil einzugreifen. So wurde unsere Planung am Schauermannspark etwa fünfmal umgeworfen, und schliesslich durch den Kasemattenpächter Kretschmer technisch nur mangelhaft umgesetzt. Nur der umgewandelte Streifen Strasse mit dem Stegesystem BUGA 72 wurde konsequent durch die AnwohnerInnen entworfen. Der Seeräuberinnenbrunnen sucht nach SponsorInnen. Aggressive Gentrifizierung Doch in diesem Sommer sieht sich das Gesamtkunstwerk Park unter vielseitigem Druck und Angriffen ganz neuer Qualität. Von den sogenannten Riverkasematten ausgehend, macht sich eine aggressive Stimmung im Park breit: die Polizeipräsenz hat sich deutlich erhöht, Sicherheitskräfte des Lokals patroullieren im Park, Besucher die den Hafenblick geniessen wollen, fühlen sich durch eine Stabtaschenlampe tragende private Ordnungskraft bedroht, die informelle Selbstbestimmung in einer öffentlichen Gartenanlage der Hansestadt Hamburg ist eingeschränkt. Das Konzept von Park Fiction wird verfälscht, das Prinzip eines von den Nachbarn für die Nachbarn geplanten Parks auf den Kopf gestellt. Eingezwängt zwischen drei Gastronomien, funktionieren ganze Teile des Parks bereits als erweiterter Gastraum. Schon gibt es Pläne für eine Sytemgastronomie in einem Neubau am Park. Doch bei der „Latte Macchiatisierung des öffentliche Raums“ lassen es die Kasemattenpächter nicht bewenden: passiert irgendetwas, wird die Polizei geholt und dem Golden Pudel Klub auf den Hals gehetzt. So wurden, nach einem Eierwurf von irgendjemand in den Aussenbereich der Kasematten, in einer völlig unverhältnismäßigen Reaktion die Personalien sämtlicher BesucherInnen des Pudelklubs aufgenommen. In der Ausschreibung zur Verpachtung der Kasematten gehörte zu den Auflagen eine „sozialverträgliche Nutzung“. Ausserdem habe sich der Pächter mit den örtlichen Initiativen – sprich: Park Fiction – „abzustimmen“. Letzteres ist nie passiert, und die Dauerpräsenz von Wachpersonal scheint uns doch eher ein Indikator für eine sozial unverträgliche Nutzung zu sein. Wolkenbügel In diesem Kontext der versuchten feindlichen Übernahme des Parks – also eines Projekts im öffentlichen Interesse – sollte man denken, dass einem von Seiten der Politik jede erdenkliche Unterstützung zuteil würde. Das Park Fiction Archiv Das Gegenteil ist der Fall: das Park Fiction Archiv für unabhängigen Urbanismus, fester Bestandteil des AnwohnerInnen-Entwurfs seit der Jahrtausendwende, wird derzeit vom Bauausschuss Hamburg Mitte blockiert. Dies ist ein äusserst ungewöhnlicher Vorgang: denn die Aussenraumplastik ist bereits vor zwei Jahren durch die Hamburger Kunstkommission zur Realisierung empfohlen worden. In bemerkenswerter Kompetenzüberschreitung beanstandet der Ausschuss die Form der Plastik, und ihren – mit allen Beteiligten und Nachbarn vor Jahren abgestimmten – Ort. Als zentrales Symbol für Park Fiction, wird das Werk aus dem Haushalt Kunst im öffentlichen Raum finanziert. Als Zitat von El Lissitzkys „Wolkenbügel“, knüpft der Entwurf eines aufgeständert über dem Park fliegenden Archivs ironisch an die utopischen Entwürfe der Konstruktivisten an. Innen soll eine komprimierte Fassung des auf der Documenta gezeigten Park Fiction Archivs ausgestellt und damit die tausenden von Entwürfen für den Park, der Prozess und seine Geschichte zugänglich bleiben – für die Bewohner des Stadtteils, für die zahlreichen internationalen Fachbesucher, als Ort für Forschung und Urban Studies. Kunst oder Cappucino Diese Pläne macht die Einmischung des Bauausschusses nun zunichte. Das schlimmste daran: die Geschichte des Projekts wird unsichtbar gemacht; und das in einem langen Prozess erarbeitete, in Stadtteilversammlungen vorgestellte, diskutierte und abgestimmte Gesamtkonzept des Parks wird damit über den Haufen geworfen, der demokratische Planungsprozess, weltweit als Modellhaft diskutiert, in Frage gestellt und zerstört. Das werden wir nicht hinnehmen: die Eröffnung am Sonntag findet also unter der Bedingung einer umfassenden Gentrifizierung statt. Denn die Ereignisse um den Park verdichten nur Symbolhaft, was derzeit in St. Pauli passiert. Auf dem Astragelände baut mit BBDO eine der grössten Werbeagenturen Büros für 600 Personen. Das Hagenbeckhaus (im Besitz der Saga) ging eine Nacht vor einer Anwohner-Begehung in Flammen auf, „Stahl, Glas und Promis“ und Büroneubauten aller Orten, die Situation gerät ins rutschen. In diesem Zusammenhang erscheint die Cappucino-Ästhetisierung am Hafenrand in einem umfassenderen Licht: denn das Elbufer ist traditionell der Ort, an dem sich die Macht repräsentiert, und zwar ihr Bild und Verständnis von Stadt. Was dem Paris des Baron Haussmann die Perspektive war, ist der Wachsenden Stadt der Elbblick: ein Verkaufsfaktor im Standortwettbewerb, die Zurichtung der städtischen Vielfalt auf die Marketinganforderungen der Imagecity. Und in diesem Bild möchte man nicht dauernd daran erinnert werden, dass die Stadt auch anders aussehen – und von anderen Kräften bestimmt werden könnte: nämlich von den StadtbewohnerInnen. Genau aus diesem Grund werden wir weiter darauf beharren, das Nachdenken über Stadt genau hier zu praktizieren und sichtbar zu machen – an diesem Ort, wo es den AnwohnerInnen gelungen ist, für einen Moment die Richtung der Stadtplanung umzudrehen und für sich funktionieren zu lassen. Wir erwarten die sofortige Aufstellung des Park Fiction Archivs. Auf dem Fest Sonntag 15 – 22 Uhr Videocamping mit „Hamburger Dialog“, „A Walk In The Park“, „Liebe und Leidenschaft unter Palmen“, der Film „Park Fiction die Wünsche werden die Wohnung verlassen und auf die Strasse gehen“ von Margit Czenki Geschenke bringen mit: * Abendmahl Essen für Kinder umsonst * Astra Stuben umherschweifende Elektronik * Batang Trommeln * Bubak Tonträger spendet Platten * Buttclub und Lesebutt umherschweifendes standortloses Archiv * Kneipe Doppelschicht Getränke für Kinder * Deja Vu Lounge Bar – Süssigkeiten und Kinderschminkstand * Cafe Geyer Kuchen * Go There Do That Soundsystem * Golden Pudel Klub Schlemmermarkt Wachsende Stadt * GWA-Kolibri – Aussenstation des Lesecafé’s * Hajusom! Leseperfomance * Bar Cafe Hensel Kindergetränke * Melissa Logan (Chicks on Speed) und DJ Pattex loungen auflegen Palmengebäck * Sambauli – Samba von SchülerInnen der Ganztagsschule * Gino Romero Ramirez und SchülerInnen der Ganztagsschule * Showcase Beat Le Mot – Fahnenperformance Wachsende Stadt Hamburg-Shanghai * St. Pauli Archiv – Ausstellung * St. Pauli Kickboxer – Öffentliches Training * Tanzhalle – kindergetränke * Textilbüro – neue Tulpen * Annette Wehrmann – Billieregal als Tausschstation für Bücher Platten o.ä. * Getränke Yavsav – Süssigkeitenspende
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